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Die Sicht der jüngeren Frauen auf die Lausitz

Mitte März 2021 titelte die Sächsische Zeitung zur Bevölkerungsprognose im Landkreis Görlitz: "Die Frauen werden knapp" und bezog sich dabei auf eine Prognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung, nach der sich der Frauenanteil im Landkreis Görlitz bis 2040 um 21,4 Prozent verringern wird. Ähnliches gelte auch für die Landkreise Oberspreewald-Lausitz und Elbe-Elster. 


Forschungsergebnisse der Hochschule Zittau-Görlitz zeigen, dass es Frauen stärker in die Ballungsgebiete zieht als Männer, und dass mehr Männer als Frauen in ihre Heimatregion zurückkehren. Dementsprechend würden in der Lausitz immer weniger Kinder geboren (vgl. Gabler et. al 2016). 


Angesichts solcher Prognosen lohnt es sich, die Sichtweise gerade der jüngeren Frauen auf die Lausitz genauer zu beschreiben — ihre Bindung an die Region, ihre Wegzugsbereitschaft, ihre Zufriedenheit und ihre Bereitschaft, sich in und für die Region zu engagieren. 


Der Lausitz-Monitor erfasst die Stimmung und das Meinungsbild der Lausitzerinnen und Lausitzer durch eine repräsentative Bevölkerungsbefragung in allen sechs Lausitzer Landkreisen Bautzen, Görlitz, Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz, Spree-Neiße und Dahme- Spreewald sowie der kreisfreien Stadt Cottbus. Insgesamt haben im Jahr 2021 eintausend Personen an der Befragung teilgenommen, 518 von ihnen Frauen. Jede vierte der befragten Frauen war zwischen 16 und 39 Jahre alt. In diesem Text geht es um die Frage, was die Sichtweisen dieser jüngeren Lausitzerinnen von der Stimmung und den Meinungen in anderen Bevölkerungsgruppen unterscheidet. 


Jüngere Frauen fühlen sich am wenigsten mit der Lausitz verbunden 

Die Gruppe der jüngeren Frauen (16-39) steht der Lausitz insgesamt kritischer gegenüber als alle anderen Gruppen. Bei allen auf die Bindung zur Lausitz bezogenen Fragen ist der Anteil derjenigen, die der jeweiligen Aussage zustimmen, unter den jüngeren Frauen am geringsten. 


Während sich immerhin knapp die Hälfte der jüngeren Männer (47 Prozent) im Falle eines Wegzugs aus der Lausitz „irgendwie schuldig fühlen“ würde, beträgt der Anteil der jüngeren Frauen, die das von sich sagen, nur 29 Prozent. 


Gerade einmal jede vierte Frau zwischen 16 und 39 Jahren fühlt sich der Lausitz verpflichtet, während sich 41 Prozent der jüngeren Männer der Lausitz verpflichtet fühlen. Der Anteil der Frauen, die sich der Region gegenüber verpflichtet fühlen, ist unter den Älteren höher (40-59: 36 Prozent; 60+: 45 Prozent). Während insgesamt 64 Prozent der Lausitzerinnen und Lausitzer angeben, die Lausitz zu lieben, zeigt sich bei genauerem Hinsehen eine ungleiche Verteilung: Während drei von vier Frauen über 60 (78 Prozent) und immerhin zwei von drei Männern über 60 (68 Prozent) die Lausitz lieben, sagen das nur 46 Prozent der jüngeren Frauen und 52 Prozent der jüngeren Männer von sich. 


Während die Zufriedenheit mit der Situation in der Lausitz insgesamt steigt, verringert sie sich bei den jüngeren Frauen 

Der Lausitz-Monitor wurde in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal erhoben, weshalb sich Vergleiche zum Vorjahr ziehen lassen. Gerade bei der Zufriedenheit der Gruppe der jüngeren Frauen zeigen sich im Jahresvergleich interessante Unterschiede. 


Während der Anteil der Lausitzerinnen und Lausitzer, die meinen, dass die Situation in der Lausitz während der vergangenen fünf Jahre besser oder sogar viel besser geworden ist, insgesamt, also über alle Bevölkerungsgruppen hinweg betrachtet, von 43 Prozent in 2020 auf 46 Prozent in 2021 leicht gewachsen ist, hat sich der Anteil bei den jüngeren Frauen von 50 Prozent in 2020 auf 34 Prozent in 2021 verringert. 


Nur jede vierte jüngere Frau (26 Prozent) ist mit der derzeitigen Situation in der Lausitz zufrieden oder sehr zufrieden; bei den Männern der gleichen Altersgruppe (16-39) liegt dieser Anteil bei immerhin 45 Prozent. Zum weiteren Vergleich: 40 Prozent der 40-59-jährigen Frauen sind mit der derzeitigen Situation in der Lausitz zufrieden oder sehr zufrieden sowie 35 Prozent der Männer dieser Altersgruppe. 


Wachsende Unterschiede und gegenläufige Trends bei der Lebenszufriedenheit 

In Bezug auf die Zufriedenheit mit der persönlichen Lebenssituation zeigt sich bei den jüngeren Frauen ebenfalls ein deutlicher Unterschied im Jahresvergleich. 2020 gaben 67 Prozent der jüngeren Frauen an, mit ihrer derzeitigen persönlichen Lebenssituation zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. Im Vergleich zu allen anderen Gruppen waren die jüngeren Lausitzerinnen im Jahr 2020 am zufriedensten mit ihrem Leben. Allerdings ist hier ein deutlicher Rückgang zu beobachten: 2021 waren es nur noch 57 Prozent. 


Gab es 2020 kaum jüngere Frauen, die angaben, unzufrieden zu sein, ist dieser Anteil in 2021 deutlich gewachsen: 2020 haben lediglich 12 Prozent der jüngeren Frauen angegeben, eher unzufrieden zu sein und niemand aus dieser Gruppe gab an, unzufrieden oder sogar sehr unzufrieden zu sein. Der Anteil der Unzufriedenen und sehr Unzufriedenen ist von 2020 auf 2021 von null auf sieben Prozent angewachsen, und auch der Anteil der eher Unzufriedenen hat sich erhöht — von 12 auf 17 Prozent. 


Zum Vergleich: Bei den Männern der gleichen Altersgruppe (16-39) ist der Anteil derjenigen, die angeben, mit der persönlichen Lebenssituation zufrieden oder sehr zufrieden zu sein, von 2020 auf 2021 von 43 Prozent auf 61 Prozent angestiegen. Hier zeigt sich also ein im Vergleich zu den jüngeren Frauen umgekehrter Trend. Während unter den jüngeren Frauen der Anteil der Zufriedenen gesunken ist, ist er unter den jüngeren Männern gewachsen. 


Bei den Unzufriedenen hingegen ähneln sich die Trends unter den jüngeren Frauen und Männern: Unter den jüngeren Männern hat sich der Anteil derjenigen, die angaben, mit der persönlichen Lebenssituation unzufrieden oder sehr unzufrieden zu sein, von 11 Prozent im Jahr 2020 auf 21 Prozent im Jahr 2021 erhöht. 


Jüngere Frauen sind eher bereit, die Region zu verlassen 

Während sich bei der Bindung an die Lausitz deutliche Unterschiede zwischen den jüngeren Männern und Frauen beobachten lassen, zeigt sich dagegen bei der Wegzugsbereitschaft auf den ersten Blick kaum ein Unterschied: Der Anteil derjenigen, die angeben, in den kommenden zwei Jahren wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich aus der Lausitz wegzuziehen, ist in der gesamten Gruppe der Jüngeren (18-39-Jährige) unter Frauen (21 Prozent) ähnlich hoch wie unter Männern (23 Prozent). Unter denjenigen Angehörigen dieser Gruppe, die sich noch in Ausbildung befinden (Schüler:innen, Lehrlinge und Studierende) liegt der Anteil der Wegzugsbereiten allerdings etwa drei Mal so hoch (64 Prozent). 


Betrachtet man diese Zahlen etwas genauer, zeigen sich einige recht deutliche Unterschiede: Bei den jüngeren Frauen liegt der Anteil derjenigen, die sagen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sie in den kommenden beiden Jahren wegziehen, bei 16 Prozent. Bei den Männern liegt der Anteil, die „sehr wahrscheinlich“ angeben, bei gerade einmal 5 Prozent. Hingegen sagen 18 Prozent der jüngeren Männer, dass es „eher wahrscheinlich“ ist, dass sie weggehen, während dieser Anteil unter den jüngeren Frauen bei 4 Prozent liegt. 


Liegt also der Anteil derjenigen, die eine Wahrscheinlichkeit wegzuziehen angeben, bei Männern und Frauen zwischen 16 und 39 bei etwas mehr als einem Fünftel, zeigen sich deutliche Unterschiede bei der Qualifizierung der Wahrscheinlichkeit: Auf drei jüngere Frauen, die angeben, sehr wahrscheinlich wegzuziehen, kommt ein Mann aus der gleichen Altersgruppe. Bei eher wahrscheinlich ist das Verhältnis umgekehrt. 


Rückkehrmotive unter jüngeren Frauen deutlich geringer ausgeprägt 

Diejenigen, die angaben, dass sie in den kommenden beiden Jahren eher oder sehr wahrscheinlich wegziehen werden, wurden auch gefragt, ob sie beabsichtigen, zurückzukehren bzw. wie wahrscheinlich eine Rückkehr ist. Auch hier zeigt sich ein ganz ähnliches Bild: Unter denjenigen jüngeren Frauen, die weggehen wollen, geben lediglich vier Prozent an, dass sie sehr wahrscheinlich wiederkommen wollen, 22 Prozent meinen, dass es immerhin eher wahrscheinlich ist, zurückzukehren. Bei den Männern der gleichen Altersgruppe, die wegziehen wollen, meinen 26 Prozent, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sie irgendwann wiederkommen, und noch einmal 26 Prozent geben an, dass eine Rückkehr eher wahrscheinlich ist. 


Beteiligung 

Im Jahr 2021 gaben 47 Prozent der jüngeren Frauen — und damit acht Prozent weniger als im Vorjahr — an, dass ihnen die Lausitz am Herzen liegt. Allerdings hat nur jede fünfte jüngere Frau (21 Prozent und damit ein Minus von drei Prozent im Vergleich zu 2020) Interesse, sich bei der Gestaltung der Lausitz aktiv zu beteiligen. 


Bei den jüngeren Männern ist dieser Anteil zwar insgesamt deutlich höher, aber im Vergleich zum Vorjahr auch viel stärker zurückgegangen. So konnte sich 2020 noch jeder zweite jüngere Lausitzer vorstellen, sich aktiv in die Gestaltung der Zukunft der Lausitz einzubringen (54 Prozent); 2021 war es nur noch jeder dritte (36 Prozent). 


Betrachtet man im Unterschied zum generellen Interesse an der Gestaltung der Lausitz die tatsächliche Bereitschaft, sich in konkreten Projekten zu engagieren, zeigt sich jedoch ein anderes Bild, gerade bei den jüngeren Frauen: Zwar geben 40 Prozent der jüngeren Frauen an, sich gern ehrenamtlich an der Gestaltung der Region zu beteiligen. So gefragt wollen sich lediglich neun Prozent überhaupt nicht an der Gestaltung der Lausitz beteiligen. Fragt man allerdings danach, sich für ein konkretes Projekt stärker zu engagieren, geben gerade einmal zwei Prozent der jüngeren Frauen an, dazu bereit zu sein. 


Damit sind die jüngeren Frauen die Gruppe, welche am wenigsten bereit ist, sich im Strukturwandel zu engagieren. 


Fazit

Ich stelle fest, dass die Ergebnisse des Lausitz-Monitors den zu Beginn dieses Textes zitierten Prognosen keineswegs widersprechen, im Gegenteil: Es wird deutlich, dass da etwas dran ist, und zwar mehr, als sich diejenigen, die sich für die Zukunft der Lausitz im und nach dem Strukturwandel engagieren, vielleicht wünschen würden. 


Ich frage mich, warum gerade die jüngeren Lausitzerinnen offensichtlich so ganz anders „ticken“, und komme zu folgenden Schlussfolgerungen: 


  1. 1. Das, was viele jüngere Frauen vom Leben erwarten, passt offensichtlich nicht zu dem, was die Region bietet. 


  1. 2. Um das zu verändern, müsste man sich viel stärker als bisher mit den Interessen jüngerer Frauen auseinandersetzen, die ansatzweise aus den Ergebnissen des Lausitz-Monitors ableitbar sind und in einem anderen Text auf dieser Seite beschrieben werden. 


  1. 3. Um das zu verändern, müsste zudem die tatsächliche Lebensrealität jüngerer Frauen berücksichtigt werden: Frauen leisten nach wie vor den größeren Teil der „Care-Arbeit“ und interessieren sich eher für soziale Themen. Im Grunde bedeutet das: Frauen erfüllen alltäglich in großem Umfang nicht bezahlte Aufgaben. Die Wertschätzung der Care-Arbeit müsste signifikant gesteigert und die Belastungen dieses Alltags müssten gleichmäßiger auf die Geschlechter verteilt werden. 


  1. 4. Diejenigen Akteure, die in der Region tatsächlich Geld haben und gestalten können, also Unternehmen, müssten viel stärker als bisher — oder überhaupt — Programme für junge Frauen auflegen. 


  1. 5. Die Region müsste, wie der Görlitzer Autor Axel Krüger immer wieder schreibt, jünger und weiblicher werden. Hier beißt sich die sprichwörtliche Katze in den Schwanz:  Je höher der Anteil junger Menschen in einer Region ist, desto besser ist das für die Bevölkerungsentwicklung.“ Die Daten aus dem Lausitz-Monitor weisen jedoch in die andere Richtung. Man müsste also den Rückzug und den Zuzug stärken, aber wie macht man das in einer schnell alternden Region? 


  1. 6. Die bisher eher nach dem „Gießkannenprinzip“ funktionierenden Programme für Fachkräfte müssten viel stärker auf Frauen ausgelegt werden. 


  1. 7. Man müsste die Themen, die jüngere Frauen interessieren, beim Austausch auf sozialen Plattformen stärker berücksichtigen und sich den Problemen und Wünschen jüngerer Lausitzerinnen durch tatsächlichen Austausch stellen. Man könnte auch versuchen, die positiven Auswirkungen des bereits geschehenen Strukturwandels aufzuzeigen und so die Motivation der jungen Frauen zu steigern. Aber würde das wirklich etwas bewirken? 


  1. 8. Im Gegensatz zu dem hohen Interesse unter Männern aller Altersgruppen ist die Bereitschaft von Frauen, sich aktiv im Strukturwandel einzubringen, eher verhalten. Die Interessensunterschiede zwischen Frauen und Männern sind enorm. Engagement für die Region ist in der Lausitz vor allem männlich und älter. Welchen Grund sollten jüngere Frauen haben, zu bleiben und sich zu engagieren, wenn sie keines der „klassischen“ (=alten) Rollenmodelle wählen wollen? Langfristig hängt die Beteiligung von Frauen davon ab, wie gut sie sich integrieren können, wie ernst genommen sie sich fühlen und wie konsequent ihre Ideen umgesetzt werden.




Franziska Stölzel

...ist Sozialwissenschaftlerin, lebt in Weißwasser und forscht unter anderem zum Strukturwandel in der Lausitz und hat einen Teil der Fragen des diesjährigen LausitzMonitors (2021) entworfen. 

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Der LausitzMonitor ist ein Projekt von Stefan Bischoff (MAS Partners) und Jörg Heidig (Prozesspsychologen). Mit der Studie möchten die Projektpartner der Öffentlichkeit belastbare Fakten zur Stimmung in der Region und zu den Meinungen zum Strukturwandel und zur Zukunft der Lausitz liefern.

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